Verfugt

Glatt wie eine Seidenplane webt sich ein melodiöser Film hauchzart in die Öberfläche des Genfer Sees. Die Sonne lässt ihr kugelrundes Haupt hinter den Bergwipfeln sinken. Ihr Tagwerk ist vollbracht. Und so beendet auch der Handwerker und Malermeister Dmitri Shostakovich seine Arbeit in den unzähligen Dörfern um den See. Dort glättet er die Wogen, hantiert geschickt mit jedem Werkzeug, bessert Unebenheiten gekonnt aus. Kurz, er hat immer eine Lösung für ein enstandenes Problem parat. Seine große Leidenschaft allerdings gilt dem Verfugen. Mit Akribie und Hingabe verspachelt er jede Ritze im Asphalt, kittet undichte Fensterrahmen und spürt mit seinem feinen Tüftlernäschen jede Fuge auf, um sie sogleich zu füllen. Diese etwas seltsame Angewohnheit hat ihm unter den Einwohnern den Namen Fugen-Dimi eingebracht. Er ist überall gern gesehen, weil stets hilfsbereit und immer für ein Späßchen zu haben.
Nach getaner Arbeit nun besteigt der werte Dimi eine kleine Bahn, die steil durch die Weinberge an den Gipfel führt, wo er ein kleines Häuschen besitzt. Müde lässt er sich dann stets auf einem der Sitze in seiner kleinen Bahn nieder. Es ist seine Bahn, denn niemand sonst fährt mit ihm hinauf in die einsamen Berge, und die Gemsen und Hirsche im Gebirgswald zeigen kein besonderes Interesse, ab und an mit ihm hinab ins Tal zu kutschieren.
So sitzt er immer alleine da, stülpt seine Kopfhörer über und lauscht einer seiner Kompositionen. Denn neben seinem handwerklichen Geschick ist er auch mit musikalischen Fähigkeiten ausgestattet, die außer seinen Stammtischfreunden niemand so recht zu schätzen weiß. Und natürlich handelt es sich bei seinen Notationen meist um fein ausgearbeitete Fugen, ganz der beruflichen Vorliebe entsprechend.
Während die Bahn nun langsam bergauf rattert, lehnt Dmitri nachdenklich am Fenster und blickt nach draußen. Er sieht, wie seine Umwelt an ihm vorüberzieht. Die Melodie in seinem Kopf untermalt die Bilder. Er verfällt in seine allabendliche Melancholie.
Immer steiler geht es aufwärts, immer weiter entfernt er sich von der Zivilisation. Gedankenverloren und von Intuition geprägt, malt er sich Dialoge zwischen seinen Mitmenschen aus, spielt belanglose Gespräche über Alltagssituationen durch, ab und an sind auch vergnügliche Begebenheiten dabei. Und nach einer zeitlosen Spanne von Begebenheiten hält die kleine Bahn. Automatisiert erhebt sich Dmitri von seinem Fensterplatz und tritt ins Freie.
Tief atmet er die frische Bergluft ein. Und mit ihr ist der Gedankenblues verflogen. Hungrig kramt er in seinem Rucksack nach einem Apfel und beißt zu, während er zufrieden zu seinem Häuschen schreitet, wo er nochmals die frisch verfugten Bodenplatten im Vorgarten begutachtet, bevor er sich schließlich von einer unbewussten Melodie wohlbehütet in sein Bett formen lässt:

 

Und sollte möglicherweise eine Ihrer Gehirnparzellen nicht ganz dicht sein, Anruf genügt, Fugen-Dimi ist sogleich zur Stelle und wird das Kopfchaos kitten! 🙂

 

Die Bloghüttenalm wünscht allen Lesern einen wunderschönen Herbstsonntag!

 

©mauswohn
Advertisements

22 Gedanken zu “Verfugt

    1. Lieber Meermond!

      Hurra, es hat geklappt. Sie sind kein Spam mehr. Welch ein Glück. Wie konnte Aksimet nur auf solch eine Idee kommen! 🙂
      Das Spieluhr-Zitat stammt aus dem Film „Die Kinder des Olymp“. Einer meiner Lieblingsfilme.
      Ich wünsche einen wunderschönen Nordlichterabend am Meer!

      Herzliche Grüße
      Mallybeau

      Gefällt 1 Person

  1. Liebe Frau Mallybeau,

    die Kunst der Fuge, wie Sie einmal mehr virtuos unter Beweis stellen, ist es, das fügliche der Fuge dermaßen meisterhaft zusammenzufügen, dass selbst der gewissenhafteste Musikliebhaber aus allen Fugen gerät, wollte er auch nur ansatzweise erkennen, wo Herr Shostakovich beginnt, Herr Jarrett übernimmt und Amadeus Nozart weiterführt, beziehungsweise das Komando übernimmt, beziehungsweise korrigierend eingreift. Gemächlich schiebt sich das Bähnchen den Berg hinan, das Piano umschmeichelt die Ohren des Betrachters, dem beim Überschreiten einer gewissen Höhenzone plötzlich ist, als wäre in einer weit entfernten Spieldose eine kleine Feder gesprungen, bling, ein kaum wahrnehmbares bling, der Sprung einer klitzekleinen Feder, scheinbar unbedeutend für die Menschheit, die Welt dreht sich ja weiter in ihrer Unerbittlichkeit, während eben dieses bling … liegt eine undefinierbare Schwingung in der Luft, ist es die Höhe?, der bevorstehende Almrausch? oder doch die berüchtigte Enzianhütte? Das leichte Nachwippen der gesprungenen Feder in der Spieluhr verbreitet sich wellenartig, steigt an, kriecht den Berg hinauf, strebt dem Gipfelkreuze zu. Jetzt überholt es uns und den Zug, schiebt sich – unentdeckt wähnend – an uns vorbei wie eine dreiste Hausfrau an der Supermarktkasse. Gefangen in der Musik und in der Landschaft bleiben wir zurück, während die Welt aus den Fugen gerät. bling. Großartig!

    Herzliche Spätsamstaggrüße 🙂
    Herr Ösi
    (auf dem Weg ins Nachtlager)

    Gefällt 4 Personen

    1. Lieber Herr Ösi!

      Bling!
      Und wieder gerät hier die Alm aus den Fugen, wenn Sie mit Ihrer einzigartig ausgefugt gefeilten Umschreibung die Worte zu wohlklingenden Zeilen zusammenfügen und dem Leser eine wunderschöne Sicht aus Ihrem Blickwinkel schildern.
      Bling!
      Herr Shostakovich spachtelt weiter seine Fugen, während Sie die Worte klingen lassen. Die Almbewohner lauschen andächtig dem nun wortgewordenen 10-Minuten-Einblick des Fugen-Dimi, sind gerührt ob Ihrer galanten Umschreibung, verfallen ebenfalls in Melancholie … bevor …
      Bling, boing … ein Apfel vom Baum auf die Häupter fällt. Ein wenig unsanft reisst er die Betrachter aus ihren Träumen, die nun genüsslich zugreifen und das Obst verspeisen.
      Endlich angekommen. Satt und beschwingt wartet der Heuschober. Selbst die dreiste Hausfrau ist nun müde und schläft über ihren Lebensmitteln ein.
      Die Alm schließt ihre Fensterläden. Der Mond schiebt seine Sichel ans Firmament, dreht seinen Körper, zeigt sich in Form eines lächelnden Mundes und wünscht Ihnen wunderschöne Träume. Schlafen Sie gut! 🙂 🌛🌜

      Herzliche Grüße aus dem Federbett
      Mallybeau

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich hätte schwören können, dass ich gestern dieser wunderbaren Geschichte schon einen Stern hinterlassen und mir kluge Wortspielereien ausgedacht habe. Bin dann aber wohl in den Tiefen meiner Gedanken versunken. Da ich mal in einer Firma für Kleb- und Dichtstoffe gejobbt habe, sind Fugen mir vertraut. Die Faszination dafür hat aber erst dieser Text geweckt. Wunderschön, liebe Mallybeau!

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Berni!

      Ich sende Ihnen für Ihre bezaubernden Worte erneut ein extraschönes gefaltetes Sonntagsherz, ohne Klebstoffreste, frei und melodiös. Und die Dichtstoffe werden hier höchstens beim Dichten von Worten zum Einsatz kommen, also alles gut verbal-biologisch abbaubar 🙂

      Ich wünsche Ihnen einen herrlichen Herbsttag im Norden
      Herzliche Grüße aus dem Süden
      Mallybeau

      Gefällt 1 Person

  3. Au, des Filmle hat mr b’sonders g’falla! I hon net g’wusst, dass Shostakovichs Dimi au an Fugemeischder war. I kenn bloß a baar von Bachs Baschti.
    Und des Bähnle isch au schee. Isch des s’Zahnradbähnle in Stuagert? Ach, da könnt mr schdundelang zuhöre und zugucke, wenn i au bei deim kurze Zwischemuh und dem Spielldose-Einspieler a bissel verschrocke bin. I war grad so am Wegdämmre… 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anhora!

      Des dud mr jezz abr arg loid, dass de so vrschrogga bisch. S nägsch mol lass i mein Kruscht weg. Des Bähnle isch a kloines Wengertbähnle am Genfer See ond gfilmt hots bei Muddr als se mol dort war.
      Na her i jetzedle uff mit muha, damit de gut eischlofa kasch! 🙂
      Guds Nächtle!

      Grüßle an da Bodasee
      Mallybeau Bähnlekuh

      Gefällt 1 Person

      1. Noi brauchsch net aufhöre zum Muhe oder Grüschtle als gestalterische Elemende zu verwende! I bin halt a bissel schreckhaft, aber i bin ja net die oinzige Zuschauere. I kann scho drotzdem schlofa, und des mach i jetzt au. 🙂
        Guts Nächtle!

        Gefällt 1 Person

  4. Ach Mallybeau, ich nun wieder – erst hänge ich um Stunden, fast schon Tage hinterher und dann sage ich auch noch, dass Hören im Moment gerade nicht meins ist. Was los ist, weiß ich nicht, einen HNO-Termin habe ich nicht bekommen, also gehe ich erst mal am Freitag zum Akustiker. Deswegen konnte ich die sicher sehr schöne Musik so überhaupt nicht genießen. Aber ich habe so nebenbei beim Almwetter immer deine Stiefel und deine Jeans beobachtet, das war doch auch schon was.
    Heute hatte ich einen ganz tollen Schutzengel – hast du den beauftragt. Ich habe die Duschverkleidung abgebaut. Das mit den Schrauben war ja kein Problem, doch dann musste ich die verklebte Haltevorrichtung lösen. Ich arbeitete mich mit zwei untergeschobenen Schraubenziehern Stück für Stück nach oben. Dann wollte ich den Rest mit beiden Händen abreißen. Als er plötzlich nachgab, hielt mich nur die Duschkopfbefestigung davon ab, rückwärts aus der Wanne zu fallen. Hätte bestimmt noch weniger gut ausgesehen als die Nummer in der Garage 🙂
    Gute Nacht wünscht dir Clara

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Clara!

      Da bin ich erstmal sehr beruhigt, dass die Duschvorhangszene nicht ein Ende wie bei Hitchcock gefunden hat. Ich habe bei dem Beitrag bereits an Dich gedacht, dass Du sicherlich etwas Probleme haben wirst mit dem Zuhören. Tut mir leid, dass ich mit meinem Hang zur Musik meinen Lesern und Hörern immer so viele Klänge auf die Ohren drücke. Ich arbeite demnächst an nicht-akustischen Beiträgen. Extra für Dich! Wo doch jetzt eine farblich so passende Lektüre neben Deinem Bett liegt … 🙂

      Liebe Herbstgrüße mit einem warmen Regenschauer von der Alm
      Mallybeau

      Gefällt mir

      1. Liebe Mallybeau, wie wäre ein Ende à la Hitchcock gewesen? Mir fällt immer nur sein Film „Die Vögel“ ein, weil ich den so wahnsinnig erschreckend fand.
        Ach, wie geht mir dieses „extra für dich“ unter die Haut – im Moment brauche ich das tatsächlich, denn ich weiß nicht, ob dieser drastisch verringerte Hörzustand bleibt oder ob es doch vorübergehend ist. Und erschreckend fand ich auch, dass ich erst in 3 Wochen einen Termin für einen Hörtest bekommen hätte. Mit etwas Schauspieltalent hätte ich dem Personal einen Hörsturz vormimen können, dann hätten sie mich drannehmen müssen. Mit Ehrlichkeit kommt man wirklich nicht immer weiter, zumindest nicht in die Testkabine.
        Den warmen Regenschauer werde ich mal gleich in meine Dusche umlenken – das macht jetzt ohne diese blöde Duschwand gleich dreimal so viel Spaß. Uuuuuuuuuuuuuuuuuuh, ist das schön warm.
        Herzlichst Clara

        Gefällt 1 Person

        1. Liebe Clara!
          Wenn Du das Hitchcockende nicht kennst, die Duschszene aus „Psycho“, dann erzähle ich das lieber nicht, nicht dass vor lauter Schreck doch noch ein Unfall passiert. Vielleicht hat sich in Deinen Gehörgängen ein nerviger Ohrwurm festgebissen und hindert Dich nun am genüsslichen Hören. Ich schicke gleich mal ein paar Ohrenzwicker los, die sich Dein Gehör in Ruhe ansehen und Dir das richtige Heilmittel verschreiben. Hier wird man gleich bedient! 🙂
          Liebe Abendgrüße nach Berlin
          Mallybeau

          Gefällt mir

          1. Liebe Mallybeau, gerade habe ich den Inhalt von „Psycho“ gelesen. Du hast Recht, solche zwiegespaltenen Psycho-Mörder brauche ich momentan nicht. Mit der alten Duschwand hätte sich keiner so schnell anschleichen können, aber ich hoffe, das geht mit dem Duschvorhang auch nicht.
            Jetzt decke ich mich kuschelig zu und lese noch ein bisschen.
            Und tschüss sagt Clara

            Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s