Warum ist Butter so teuer geworden?

… fragt er mich, als ich nach dem Klingelton die Haustüre öffne und in ein nachdenkliches Gesicht blicke. Überrascht sehe ich ihn an, zucke mit den Schultern und fühle mich ein wenig überrumpelt. Auf diese Haustürfrage war ich nicht vorbereitet. Und auf diesen Besucher auch nicht. Seine Haare sind ein wenig zerzaust, ein roter Latz hängt um seinen Hals. Und ein herzzerreissendes Lächeln ziert sein liebenswertes Gesicht. „Darf ich bei euch bleiben?“, fragt er unumwunden. Diesem Anblick und der angenehm tief brummenden Stimme kann ich nicht widerstehen und antworte ebenso rasch: „Ja, Du hast uns noch gefehlt. Herzlich willkommen.“ Dankend nickt er mit dem Kopf, putzt sich höflich die Pfoten am Schuhabstreifer ab und betritt unsere Almhütte. „Also das mit der Butter sollte noch geklärt werden“, meint er neugierig und sieht sich interessiert um. Ich stimme zu, merke, dass unser neuer Bewohner ein äußerst wissbegieriger Kerl ist, der jeder Sache genau auf den Grund gehen möchte und biete ihm einen Ingwertee an. Wohlig schnüffelnd tippt er seine Schnauze in die dampfende Tasse, während sein Blick auf einen Strauß Blumen in einer blauen Vase fällt. Er strahlt übers ganze Gesicht und meint: „Ich liebe Blumen. Welch wunderbar florales Arrangement.  Von wem?“Von einem Traummann“, erwidere ich und starre gemeinsam mit dem Bären auf das duftende Blütengesteck. Sehr richtig. Unser neuer Almbewohner ist ein Bär. Aus der Gattung der Stöffelbären. Sein Name ist Robärt. So sind wir vergangenen Dienstag nicht auf den Hund gekommen, vielmehr hat man uns einen Bären aufgebunden. Und was für einen. Neugierig ist er. Weitere Einzelheiten wissen wir noch nicht über ihn. Doch bevor wir hier weiter große Reden schwingen, stellt sich uns der werte Robärt am besten selbst vor. Kleines Tänzchen gefällig? 🙂

 

Ist unser neuer Mitbewohner nicht zauberhaft? Mit Macksi Maulwurf hat er sogleich Freundschaft geschlossen. Und mit Hausmeister Schrödinger wurde bereits eifrig über die diffizile Herstellung von Almkäse diskutiert. Sie sehen, es kommt Schwung in die Bude. Wir sind gespannt, welche Abenteuer auf unseren Robärt nun zukommen werden. Er grüßt recht herzlich und lässt sich entschuldigen. Seine Schnauze steckt bereits wieder tief in einem Lexikon, wo er eine Antwort auf seine Butterfrage zu finden hofft.

… brumm, brumm … 🐻

 

©mauswohn

 

 

 


Wärbung

Eben erst auf der Alm eingetroffen und schon auf einer Tasche verewigt

tasche paddington bär

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Der Fipsflüsterer

Wir blättern in der nostalgischen Almchronik, einem in Schlüsselblumenleder gebundenen Schmöker von unschätzbarem Wert, der allerlei kuriose Begebenheiten aus der ganzen Welt zu bieten hat.
Auf Seite 747 finden wir die Geschichte von Siegfried Fauser, dem Fipsflüsterer aus Vorarlberg. Im Jahre 1838 lebte der verwitwete Physiklehrer mit seinem Sohn Fips in einem bescheidenen Reihenhäuschen zwischen Bauernhof Sonnleitner und Bauernhof Mondleitner. Frau Fauser war, als Sohn Fips zarte vier Lenze zählte, in einem schicksalsträchtigen Augenblick im Garten über die Katze Mosi vom Sonnleitnerhof gestolpert und landete kopfüber im Güllefass des Mondleitnerhofes. Ihre Haarspangen verhakten sich hierbei unglücklich an den hölzernen Bottichwänden, so dass die gute Frau jämmerlich in der stinkenden Brühe erstickte. Fortan musste sich Herr Fauser alleine um die Erziehung seines Sohnes kümmern, was der treu sorgende Vater auch redlich tat. Doch Fips war ein schüchterner Junge, entzog sich dem Hausherrn und entschwand meist auf einen der nachbarlichen Bauernhöfe. Mittlerweile neun Jahre alt, hatte er das Drama um seine Mutter gut verarbeitet und hielt jeden Samstag Nachmittag vor dem tödlichen Gullifass einen Gedenkgottesdienst ab. Auch Katze Mosi gesellte sich zu ihm, schnurrte liebevoll um seine Knie und war Fips eine treue Begleiterin.
Herr Fauser sah seinen Sohn nur zur abendlichen Brotzeit, da er tagsüber in der über die Landesgrenzen bekannten Vorarlberger Schulmensa handgefertigte Knödel, Fisch aus Konserven der Firma Moser und weitere österreichische Köstlichkeiten zu sich nahm. Zu Tisch zelebrierte der Vater ein sich täglich wiederholendes Ritual, fragte den Sohn physikalische Gesetze ab und versuchte ihm die Relativitätstheorie näherzubringen, die er lange vor Albert Einstein ausgetüftelt hatte. Doch der zurückhaltende Fips hatte Sinn für Poesie und liebte Tiere. Physik, Mathematik und abstraktes Denken waren nicht sein Metier. So musste Siegfried Fauser mit ansehen, wie der Knabe zusehends wortkarger und schließlich gänzlich stumm wurde. Der Vater deutete dies zunächst als kurze Phase, die wohl jeder Junge in seinem Alter durchleben musste. Doch als er sah, wie die gleichaltrigen Nachbarskinder vergnügt miteinander plauderten und scherzten, begann er, sich ernsthaft Sorgen zu machen.
Herr Fauser nahm sich eine Auszeit an der Schule und ließ sich derweil von einem unbekannten Praktikanten namens Einstein vertreten. Zu Hause zückte der sorgsame Vater nun ein kleines kariertes Heftchen und begann die sogenannte Fips-Studie. Akribisch beobachtete er das Verhalten seines Sohnes, freilich ohne Aufmerksamkeit zu erregen oder ihm zur Last zu fallen. Jeder Handgriff wurde analysiert und auf eine physikalische Formel gebracht. Hierbei entdeckte Herr Fauser, dass sein Sohn eine große Affinität zu Tieren hatte. Zweifelsohne wäre dies wohl jedem anderen halbwegs mit offenen Augen durch die Welt laufenden Menschen sofort aufgefallen, doch Herr Fauser hatte sich all die Jahre so sehr in einer physikalischen Welt bewegt, dass er seine Umgebung nur durch einen ganz bestimmten, eigens konstruierten Formel-Filter betrachten konnte.
So lautete der erste Teil der Fips-Formel: Fips liebt Tiere.
In einer weiteren ausführlichen Erhebung stellte der unermüdliche Forscher fest, dass neben der Katze Mosi besonders die Hühner des Sonnleitnerhofes eine große Anziehungskraft auf seinen Jungen ausübten. Er sah sich darin bestätigt, als er eines morgens heimlich das Zimmer seines Sohnes betrat und eine handgemalte Hühnertapete an den Wänden vorfand. Des Weiteren zierte eine selbst gezimmerte Vitrine den Raum, die voll bestückt war mit Hühnerei-Raritäten aus der ganzen Welt. Selbstredend war die Bettdecke des Sohnemannes mit feinsten Hühnerdaunen bestückt, während ein alter Kleiderhocker mit zartem Katzenfell überzogen war. Das genügte. Was zu beweisen war. Der zweite Teil der Fips-Formel lautete: Fips liebt Hühner zu 100%, Katzen zu 85,3%.
Nun zog Herr Fauser mit Rotstift und Lineal einen Strich unter all seine Berechnungen und versuchte, das tierische Sohn-Wirrwarr auf einen Nenner zu bringen. Elf ganze Wochen brachte der Physiklehrer in seinem Kämmerlein damit zu, eine Lösung zu finden, um seinen Sohn der Wortlosigkeit zu entreissen.
Ein genau ausgearbeiteter Plan lag seinem Handeln zugrunde. Eines abends kochte Herr Fauser das Leibgericht des stummen Fips. Es gab Vorarlberger Schweineschnitzel, Pfirsichklöße und zum Nachtisch eine große Portion Hühnereis.
Der Sohn ließ sich das Mahl munden, schmatzte und stopfte Bissen um Bissen in seinen schmalen Mund. Herr Fauser war zufrieden. Die Grundlage für ein gutes Vater-Sohn-Gespräch war geschaffen. Nachdem sich die Zwei eine Stunde von dem Festschmaus erholt hatten, bat der gute Siegfried seinen Sohn, er möge doch in seinem Zimmer auf dem Sofa Platz nehmen. Fips war nicht wenig verwundert, das erste Mal gebeten worden zu sein, hatte der Vater ihn sonst an seinen zwei großen Ohren zu einer Standpauke ins Wohnzimmer gezerrt. Nun nahm er also verschüchtert und zugleich ein wenig verwundert auf den weichen Gobelinpolsterkissen Platz und sah seinem Vater in die Augen, der sich ihm schräg gegenüber auf dem Katzenfellhocker niederließ. Das Fips-Studienheft auf seinen Knien liegend, begann Herr Fauser auf seinen Knaben einzureden. Er erzählte von den Flugkurven Vorarlberger Hühner, dem Pickverhalten legeeifriger Hennen aus der Steiermark und dem glockenklaren Gockelkrächzer des Mondleitner Gockels. Fips lauschte tief beeindruckt den Worten seines Vaters. Wie zauberhaft es doch klang, wenn er Begriffe wie „Huhn“, „Natur“ und „Weizenkleie“ aussprach und nicht immer nur von der Erdkrümmung, Zahlen und der Zeitachse sprach. Die Stunden vergingen. Mittlerweile hatte sich Katze Mosi nebst Nachwuchs unter den verstorbenen Fellstuhl-Gatten an Herrn Fauser Füße gelegt und schnurrte behaglich. Ein Zeichen, das dem aufmerksamen Fips nicht entging. Seine vierbeinige Freundin fand Gefallen an seinem Vater. Auch sie hatte die tierischen Worte aus Herrn Fausers Munde wohl vernommen und so entwickelte sich eine immer harmonischere Atmosphäre in dem kleinen Fan-Hühnerzimmer von Fips.
Die Anwohner der Nachbarhöfe wissen nicht mehr, wann sie die Fausers das erste Mal wieder auf der Sraße sahen. Man ist sich uneins, ob es 7 oder 11 Monate gewesen sein müssen. Doch abgesehen ob dieser Unklarheiten, wussten sowohl Familie Sonnleitner als auch Familie Mondleitner genauestens darüber zu berichten, dass der mittlerweile 1,80 Meter große Fips ohne Unterlass redend aus dem Hause gestürmt kam und mit allen Menschen plauderte, die ihm über den Weg liefen. Mit jedem unterhielt er sich über das Wetter, Politik, Kochrezepte und das übrige Weltgeschehen in Vorarlberg.
Seit dieser Zeit galt Fips Fauser als redseligster Jungpolitiker der FHP (Freie Hühner Partei).
Sein Vater jedoch bekam seinen Sohn kaum noch zu Gesicht, seine gesellschaftlichen Kontakte waren verarmt und er zog sich schwermütig in den Garten des Reihenhäuschens zurück, wo er jeden Tag mit den Hühnern flüsterte. Was er ihnen zugeraunt hat, ist nicht bekannt. Etwas Schlechtes kann es nicht gewesen sein, da jede Henne täglich 25 Eier legte und Herr Fauser durch den Eierverkauf ein schrulliger wortkarger Millionär wurde. Sein Vermögen hinterließ er Katze Mosi, die es nach ihrem Tode wiederum einer Maus namens Didi vermachte. Was diese damit angestellt hat, ist nicht in der Almchronik verzeichnet. Vielleicht finden Sie hierzu die letzten fehlenden Aufzeichungen. 🙂

der Fipsflüsterer Norman Rockwell
Siegfried Fauser auf dem Katzenfellhocker im Hühnerzimmer, auf seinen Sohn Fips einredend, der erstaunt den Ausführungen des Vaters lauscht.

 

 

©mauswohn

 

 

 

 

 

 

 


Wärbung

Ein Design, das auch der Katze Mosi gefallen würde

wandbehang katzen

 

#Schrödingers Diary 13

Lang lang ist’s her, seit uns der gute Herr Schrödinger einen seiner Filmtagebucheinträge präsentiert hat. Zu viele Verpflichtungen, Handwerkerarbeiten und, das gestand mir unsere treue Seele, auch ein wenig Faulheit hielten den sonst so emsigen Hausmeister davon ab, für Nachschub zu sorgen. Der ein oder andere Betrachter mag erleichtert aufgeatmet haben, sind die Tagebucheinträge doch äußerst dicht bestückt mit allerlei Eindrücken, die es zu verarbeiten gilt. Wie dem auch sei. Heute kommen Sie nicht umhin, Filmcollage Nummer 13 serviert zu bekommen. Vielleicht erkennen Sie die ein oder andere Begebenheit aus Ihrem Leben wieder oder erinnern sich an längst vergangene Tage. Film ab! Viel Vergnügen 🙂

Angemerkt sei noch, dass der Film aus rechtlichen Gründen in den Ländern Saint Pierre und Miquelon nicht wiedergegeben werden kann …

Hier geht es zu Schrödingers Diary 01

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©mauswohn

 

 


Wärbung

Sind Sie auf der Suche nach einem neuen Tagebuch?
tagebuch wurm

Ein rätselhaftes Traumpaar

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, wie sieht es mit Ihrem Familienstand aus? Verstehen Sie uns nicht falsch. Wir möchten hier keineswegs den Anschein der Neugierde erwecken und Einzelheiten über Ihre Privatsphäre in Erfahrung bringen. Dennoch interessiert uns die Frage nach Ihrem Befinden. Ist Ihr Gegenüber, so Sie denn überhaupt gebunden sind, ein langweiliger Nörgler? Leben Sie mit einer geschwätzigen Dame unter einem Dach, die nicht für fünf Minuten Ihren Mund halten kann? Sie wissen, man könnte unzählige Beispiele anführen, welche die Frage aufkommen lassen, warum man sich mit einem Menschen eingelassen hat. Nur allzu häufig entdeckt man ungeliebte Eigenheiten an seinem Partner, die zu Beginn der Beziehung unsichtbar schienen.
Wie dem auch sei. Wir vermuten, die meisten Leserinnen und Leser kennen diese Vorgänge und drum sei Ihnen von einem Traumpaar erzählt, dass sich vor einiger Zeit auf der Alm bei der Wurstketten-Partnervermittlung gefunden hat.
Ein sprichwörtlich rätselhaftes Duo begegnete sich im Sommer auf einer Waldlichtung, die in dieser Jahreszeit von vielen Urlaubern besucht wird.
Frau Ana Gramm, Sekretärin einer Sparkassenfiliale in Pfullendorf, hatte sich ein paar Tage frei genommen, ihre geliebten Rätselhefte in den Koffer gepackt und nächtigte im Gasthof der Familie Lamprecht-Zollinger. Zu eben dieser Zeit nahm auch Herr Malte Zahl, seines Zeichens Abteilungsleiter einer Knopffabrik und passionierter Hobbyzeichner, seinen Jahresurlaub und gastierte hier im Weingut.
Frau Gramm befasste sich ausschließlich mit einem Stapel Rätselhefte, während sie von morgens bis abends auf einer Bank an der Waldlichtung saß. Das ganze Jahr über hatte sie hierfür keine Zeit und nun wollte sie ihrer Leidenschaft ungestört nachgehen.
Währenddessen hatte Herr Zahl seine Staffelei auf die Wiese gestellt, einen Bleistift gezückt und versuchte sich im zeichnen der hügeligen Landschaft. Seine künstlerischen Fähigkeiten waren allerdings äußerst begrenzt und so malte er meistens nach Zahlen. Eine unkomplizierte Beschäftigung, worüber man den alltäglichen Stress vergaß und am Ende ein schönes Bild in Händen hatte.
So vergingen die Tage, die Zwei rätselten und zeichneten ohne sich gegenseitig wahrzunehmen.
Bis es dann passierte. Frau Gramm hatte ihr letztes Rätselwort gelöst und wollte zu einem weiteren Heftchen greifen, als sie mit Erschrecken feststellte, dass sie keine weiteren Rätselaufgaben mehr vorrätig hatte. Auch das Almkiosk führte die für ihre Ansprüche nötigen Hefte nicht und die Dame saß ein wenig ratlos mit einem Kugelschreiber in Händen da und starrte in die Weite.
Exakt zur selben Zeit riss Herr Zahl das letzte Blatt Papier von seinem 200-blättrigen Skizzenblock und sah sich ohne die nötige Malunterlage ebenfalls beschäftigungslos. Auch er konnte hier oben auf der Alm kein weiteres hochwertiges Skizzenpapier auftreiben und trottete nun mit seinem Bleistift gedankenverloren auf der Wiese umher, bis er die Bank erreichte, die Frau Gramm im wahrsten Sinne des Wortes bereits besaß.
Ohne zu fragen setzte er sich neben ihr nieder und gemeinsam betrachteten sie das Blau des Himmels.
Nach einiger Zeit erst nahm Frau Gramm die Anwesenheit Herrn Zahls bewusst wahr und blickte ihn an. „Seltsam. Was war denn das für ein Herr?“ fragte sie sich, während sie ihn unentwegt anstarrte. Äußerst rätselhaft kam ihr seine Erscheinung vor. Sie wurde nicht so recht schlau aus dem Mann.
Auch Herr Zahl musterte nun Frau Gramm in aller Ruhe. Doch, ja, sie hatte einen wunderschön wohlgeformten Kopf und eine adrett sitzende Frisur. Auch die braun gebrannten Armpartien sprachen ihn an. Aber der Rest? Irritiert betrachtete der Herr den Körper und die Beine der Dame. „Irgendwie ist ihre Figur nicht ganz zu fassen“, dachte er bei sich. „Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich“.
Und als hätten die Zwei sich abgesprochen, zückten beide just in diesem Augenblick ihre Stifte und begannen an ihrem Gegenüber visuelle Änderungen vorzunehmen. Herr Zahl zeichnete der Frau mit seinem Bleistift intuitiv eine elegante Körperform. Er begann zunächst mit vorsichtigen zarten Strichen.
Währenddessen nahm sich Frau Gramm Herrn Zahls rätselhaften Oberstübchens an und begann Zeile für Zeile nach Lösungswörtern zu suchen, um das Geheimnis des Mannes zu entschlüsseln. Zunächst mutete es etwas seltsam an, als sie nicht sogleich das richtige Wort parat hatte und auf Herrn Zahls Stirn die zusammenhanglosen Worte „Mekka“, „Indigo“ und „Bundeswehr“ zu lesen waren. Frau Gramm musste noch ein wenig tüfteln.
So auch Herr Zahl, der ungeübt mit seinem Zeichenwerkzeug an der Taille der Dame entlang fuhr, niesen musste und die Linie verwackelte, so dass Frau Gramm nun eine gehörige Kerbe in der linken Körperhälfte zu verzeichnen hatte, im wahrsten Sinne des Wortes. Rasch zückte Herr Zahl seinen Radiergummi und korrigierte das Missgeschick. Und so brachten die beiden ungewöhnlichen Zeitgenossen den ganzen Tag damit zu, dem anderen ein Gesicht und Inhalt zu geben. Freilich spielten unbewusst die eigenen Vorstellungen eines perfekten Partners eine Rolle und auf diese Weise wurden Frau Gramm einige Speckröllchen um die Hüften gutgeschrieben, da sich Herr Zahl an solch mollig weichem Anblick erfreute. Und die gute Dame war eifrig dabei, dem Herrn einige wohlklingende Worte auf die Kopffront zu schreiben: „Mitgefühl“ , „Unendlichkeit“ und „Gänseblümchen“ war nun auf der faltenreichen Stirn des Herrn zu lesen.
Da diese zwei ungewöhnlichen Almbesucher aber in jeglicher Hinsicht Perfektionisten ihres Faches waren, verstand es sich für das Paar von selbst, dass sie nicht voneinander lassen konnten. Schließlich musste Herr Zahl immer wieder eine Kurve radieren und eine kleines Grübchen ausbessern, während Frau Gramm ein schönes Wort durch ein noch besseres zu ersetzen suchte. Und so hatten sich zwei gefunden. Ein wahrhaft rätselhaftes Traumpaar, das noch immer glücklich vereint ist.
Und auf Anfrage, ob die beiden denn einen guten Ratschlag für Singles und unzufriedene Eheleute hätten, schmunzelten sie und teilten mit, dass man seinem Gegenüber ruhig ein paar Rätsel aufgeben sollte 🙂

ein rätselhaftes Paar
Frau Gramm und Herr Zahl bei der Visualisierung ihres Traumpartners.

 

 

©mauswohn

 

 

 

 

 


Wärbung

Herbstzeit ist Pilzzeit

iphone mushrooms

 

Oktoberfestsyndrom 54

Es war im Jahre 1954. Die 7-jährige Gloria Mooshammer lebte ein wohl behütetes Leben in dem kleinen bayrischen Dorf Bierfing.
Sie wuchs, wie alle ihre Freundinnen, in einer von Oktoberfestfanatikern gespickten Familie auf. Ihr Großvater Ludwig war der Mitbegründer der allerersten Feierlichkeiten auf dem Festplatz.
Und so spielte die gute Gloria täglich brav mit ihren adretten Dirndl-Barbie-Puppen Resi, Zenzi und Maria, lernte bei Mutter Therese das Brezel backen, ging jeden Tag nach Schulschluss in die Brauschule von Onkel Michael und wurde bereits im zarten Alter von nur 3 Jahren Kreismeisterin im Schuhplattln. Eine typisch bayrische Familie in damaliger Zeit.
Einzig bei Vater Horst Mooshammer war die Oktoberfestbegeisterung noch stärker ausgeprägt als bei allen übrigen Familienmitgliedern. Der Ochse, der das Leder seiner Trachtenhose ergeben sollte, schoss er auf des Nachbarn Weide selbst, die feinen Verzierungen auf dem Wolljanker ließ er unter seiner strengen Aufsicht von der weltbesten Seidenstickerin Chinas, Mia Han Bia, in ununterbrochener, wochenlanger Kleinarbeit anfertigen und sang täglich die wichtigsten Volksfestlieder, um seine Stimme in Schwung zu halten. Stündlich trank er zwei Humpen Bier und vertilgte exakt 12 Weißwürtse pro Tag. Ein Ritual, das er seit seinem 10ten Lebensjahr vollführte und an seinem 54sten Geburtstag, der rein zufällig auf die Eröffnung des Oktoberfestes fiel, mit etwas ganz Besonderem krönen wollte.
Die Zahl 54 sollte an seinem Ehrentag im Mittelpunkt stehen. Hierfür hatte er 54 Gäste geladen, für die pro Person 54 Flaschen Bier und 54 Weißwürste vorgesehen waren. 54 Lieder sollten gesungen und der Schuhplattler im 54-Minuten-Rhythmus absolviert werden. Kurzum, jedes Detail sollte in irgendeiner Form mit der Zahl 54 in Verbindung gebracht und dieser Tag ein unvergessliches Erlebnis werden. Alles war genauestens geplant. Gloria freute sich seit Wochen auf des Vaters Geburtstag und war stolz, für die Bewirtung eingeteilt worden zu sein. Ihr oblag die genaue Überwachung des Biervorrates, so dass am Ende der Feier jeder Gast seine versprochenen 54 Flaschen Hefe-Weizen-Horst-Spezial und die 54 Weißwürste vertilgt würde haben können.
Der große Tag kam, alles verlief wie am Schnürchen. Die 54 Automobile der Gäste parkten akkurat auf dem extra angemieteten 54 Quadratmeter großen Stellplatz vor dem Anwesen des Nachbarn, 54 Münder verformten sich, um zu lachen, zu singen, zu essen und zu trinken. Bis zur 54sten Minute vor 23 Uhr verlief alles nach Horst Mooshammers Vorstellung, der glückselig seinen 54sten Zigarillo genoss und in die Runde blickte.
Währenddessen hüpfte die quirlige Gloria beschwingt in die Küche, um Bier Nummer 54 für Herrn Dinglfing aus der mit seinem Namen beschrifteten Vorratskiste zu holen. Doch oh Schreck, was musste das Kind da sehen? Die Kiste war leer. Nur 53, mittlerweile ausgetrunkene, Flaschen konnte sie zählen. Keine 54ste war Herrn Dinglfing zuzuordnen. Sogleich überprüften die bestürzte Frau Mooshammer und die in Tränen aufgelöste Gloria die übrigen Biervorräte. Hier gab es nichts zu beanstanden. Lediglich diese eine Flasche fehlte. Wie sollten sie das nur dem Geburtstagshorst schonend beibringen?
Um die Sache abzukürzen. Es war tragisch. Horst Mooshammer nahm sich aufgrund der fehlenden Flasche Nummer 54 an seinem 54sten Geburtstag um Null Uhr 54 an Gleis 54 das Leben, als er sich vor den Bummelzug 54 schmiss, der ihn noch 54 Kilometer mitschleifte, wo ihn die Polizei schließlich 54 Stunden später fand. Herr Mooshammer wurde mit Sondergenehmigung der Stadt München um 12 Uhr 54 neben dem Festplatz beerdigt, wo nun jedes Jahr 54 000 Menschen sein Grab besuchen.
Die gute Gloria aber war ob dieses tragischen Schicksalsschlages so stark getroffen, dass sie 54 Monate in einer Nervenheilanstalt verbringen musste, bevor sie einen 54 Milliarden schweren Ölmulti aus Texas heiratete. Die Ehe verlief zunächst harmonisch, doch während Glorias Gatte Jim seine Ölfelder bestellte, brach bei ihr das seltene „Oktoberfestsyndrom 54“ aus. Aufgrund ihres traumatischen Kindheitserlebnisses entwickelte Gloria die Angewohnheit, von allen Lebensmitteln stets die genaue Anzahl von 54 Stück im Haus zu haben. Zunächst zählte sie nur die Bierflaschen. Dann kamen Butter und Tomaten hinzu, bis schließlich alles Ess- und Trinkbare in 54-facher Ausfertigung im Haushalt vorhanden sein musste.
Ihr geschäftstüchtiger Gatte Jim besitzt bereits mehr als 54 Ölraffinerien und hält sich nebenbei 54 Geliebte, so dass ihn die Macke seiner Frau Nummer 1 nicht weiter stört. Irgendeine Eigenheit haben wir schließlich alle. Einzig, dass Gloria bei der Heirat auf die Namensänderung in Mooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooshammer mit 54 „o“ bestand, irriert ihn ein wenig, wenn er einen weiteren Scheck unterzeichnen muss 🙂

das oktoberfestsyndrom 54
Gloria Mooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooshammer in ihrem neuen texanischen Eigenheim, den Biervorrat auf seine Vollständigkeit von 54 Flaschen überprüfend.

 

 

 

 

©mauswohn

 

 

 

 

 


Wärbung

Ein wenig Hölderlin für Literaten

hölderlin